Immobiliensektor belastet spanische Wirtschaft

Jun 11 2012

Das krisengebeutelte Spanien zeigt eindrucksvoll, dass eine niedrige Staatsverschuldung nicht vor dem Beinahe-Kollaps der Wirtschaft und des Bankensektors schützt. Bedingt durch das Platzen von Immobiliengeschäften und die finanziellen Schwierigkeiten aller größeren Bankinstitute verwandeln sich private Schulden immer schneller in öffentliche.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Struktur eines Landes. So weisen beispielsweise Italien, Griechenland und Portugal erheblich höhere Haushaltsdefizite auf, bei welchen es zu versuchen gilt, diese durch Kapitalspritzen zu schließen. Über mehrere Jahre ging das spanische Modell durchaus auf: Der Zweitwohnsitz in Marbella oder auch ein Golfplatz an der Algarve hatte sowohl für internationale Investoren sowie für betuchte private Anleger einen großen Reiz, da die Immobilien auch als Vermögensanlage dienten.

In jüngerer Vergangenheit jedoch kamen die Kapitalflüsse bedingt durch die globale Finanzkrise und der Angst vor einer Kettenreaktion zunehmend zum Erliegen. Seitdem versucht die Europäische Zentralbank, die finanziellen Probleme Spaniens zu lösen. Zum heutigen Tag beträgt der Schuldenstand des südosteuropäischen Landes bei der EZB gut 285 Milliarden Euro.

Für die Zukunft sehen Analysten des Brüsseler Finanzforschungsinstituts „Centre for European Policy Studies“(CEPS) schwarz. Trotz der Bestätigung durch die Ratingagentur Fitch, dass Spanien sein Leistungsbilanzdefizit im Verlaufen dieses Jahres komplett abbauen könne, sieht das CEPS Spanien Immobilien- und Bankensektor erst am Anfang eines teuren Erneuerungsprozesses.

Schuld daran ist die Größe des spanischen Bausektors, welcher der größte in Europa war. Laut der Statistikbehörde Eurostat war vor dem Beginn der Krise im Jahr 2007 jeder fünfte Bauarbeiter der EU in Spanien beschäftigt. Heutigen Schätzungen zufolge stehen im Land derzeit über eine Million Immobilien leer. Die CEPS-Ökonomen sehen das Problem darin, die Preise trotz der enormen Überkapazität an Immobilien nicht stark genug gefallen sein, so dass ein Nachfrageloch entstehen konnte.

Als Vergleichsland wurde in den CEPS-Berechnungen Irland herangezogen. Irland kämpft ebenfalls mit den Problemen eines Baubooms, dennoch fielen dort die Preise seit 2008 um 49 % während die Immobilien in Spanien nur 27 % an Wert verloren. Diese niedrigen Preise werden insbesondere dann problematisch, wenn der Bauboom wie im Falle Spaniens durch Banken finanziert wurde. Fällt der Preis eines Hauses, so fällt auch der Wert der Kreditsicherheiten in den Bankbilanzen. Durch die anhalten hohe Arbeitslosigkeit wird die Zahl der faulen Kredite noch weiter steigen. Laut US-Ratingagentur Moody’s beläuft sich der Verlust im Bankensektor auf 306 Milliarden Euro. Ökonomen kritisieren, dass die spanische Regierung zu wenig auf die Entwicklungen in Banken- und Immobiliensektor reagiert hätte.

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